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Kommentare zu aktuellen Ereignissen

Werte Leserin, werter Leser,

Gelegentlich publizieren wir Kommentare zu aktuellen Ereignissen, die nicht nur das meteorologische Klima, sondern auch das gesellschaftliche Klima betreffen. Ihre Meinung ist uns wichtig. Schreiben Sie uns.

Wetterglas-Redaktion


Kommentar

Wie ein Mubarak von Stuttgart

Das Bild werde ich nicht mehr los. Es hat sich eingegraben in meinem Gedächtnis. Ganz aktuell ist es in meiner Erinnerung wieder aufgeblitzt. Neulich als die Menschen in Tunesien den Despoten Ben Ali vertrieben haben, zuvor aber von Uniformierten Schlägern übel zugerichtet wurden.
Und jetzt wieder: Hunderttausende, ja, Millionen Ägypter, ganz überwiegend junge Menschen aus allen gesellschaftlichen Gruppen, wollen sich nicht mehr unterdrücken lassen, rufen friedlich nach Freiheit, wollen Gerechtigkeit und fordern den Gewaltherrscher Mubarak auf, zurückzutreten, damit der eingeforderte Wandel möglich wird.
Und dann wieder dieses Bild, das sich mir zwischen die vielen Bilder von blutüberströmten jungen Ägyptern schiebt, geschlagen und mißhandelt von der Polizei. Ein Bild, das ich nie vergessen werde, und das sich bei mir immer wieder vordrängt: Es ist das Foto von Dietrich Wagner, dem blutüberströmten Rentner, dem am 30. September 2010 bei einer Demonstration das Gesicht aus dem Kopf geschossen wurde; geschehen nicht in Kairo, sondern in Stuttgart.
Wir schätzen unsere demokratische Verfassung, würdigen den Rechtsstaat, hoffen auf Politiker, die verantwortlich handeln. Sie werden von den Bürgern gewählt. Das Parlament ist der Ort für klärende Auseinandersetzung. Der Polizeieinsatz mit den vielen Verletzten, die mit ätzender Flüssigkeit geblendet oder mit Knüppeln blutig geschlagen wurden, braucht jemanden, der das angeordnet hat, der verantwortlich ist. Das Parlament untersucht, befragt; aber keiner ist es gewesen. Und die Regierung und ihre Getreuen stellen fest: Man bedauere die schlimmen Szenen, trage aber keine Verantwortung und der Einsatz sei angemessen gewesen.
Und dann holt mich das Foto von Dietrich Wagner wieder ein, der mit erhobenen Armen um ein Ende der Gewalt fleht; und dennoch werden ihm die Augen aus dem Kopf geschossen. Er ist für immer blind. Angemessen sei der Gewalteinsatz am Schlosspark in Stuttgart gewesen, sagen der Ministerpräsident, der Minister und die Ministerin auch heute. Christliche Politiker verstehen diese grund menschliche und befriedende Geste nicht mehr, die mit erhobenen Händen das bedingungslose Ausgeliefertsein symbolisiert, eine Geste die Polizisten von dem fordern, den sie festnehmen, die Soldaten von Gefangenen verlangen, und es ist die Geste, mit der Priester den Segen des Allmächtigen erbitten.
Auch der Polizeipräsident sei nicht verantwortlich. Der bestimmt am wenigsten, denn unsere Polizei handelt nach rechtsstaatlichen Grundsätzen und der Polizist steht nicht außerhalb des Gesetzes und unterliegt der Strafverfolgung genau so wie alle Bürger. Die Gesamtheit der Bürger wäre froh, wenn ihre Polizei mehr öffentliche Präsenz zeigen dürfte, für das allgemeine Sicherheitsempfinden, als „Freund und Helfer“. So eine Exekutive müssen wir uns erhalten!
Das Wegducken der Regierungspolitiker, die den Gewalteinsatz von Stuttgart für angemessen halten, beschädigt das Ansehen der Polizistinnen und Polizisten, und sie hinterlassen den Eindruck, als verfügen die Mächtigen im Land über eine ausgewählte Schlägertruppe, die polizeilich maskiert, ihre am Mammon ausgerichteten Interessen durchsetzt.
Aber auch das gehört zu unserer gesellschaftlichen Wirklichkeit: Nazi-Aufmärsche muss die Polizei mit Samthandschuhen durch die Städte geleiten. Bei Bürgerprotesten ist man wenig zimperlich.
Worin sehen unsere Politiker ihre Verantwortung? Das ist die Frage, die sich mir seit einigen Tagen wieder aufdrängt. Das Parlament, der von den Bürgern gewählte Landtag, stellt fest, dass bei einem Aktienkauf mit einem Wert von fünf Milliarden Euro durch den Ministerpräsidenten das Parlament bewußt umgangen, und später über die wahren Umstände noch belogen wurde. Und wie reagiert der Regierungschef auf die Kritik aus dem Parlament: Das sei ein „Affentheater“. Der demokratisch gewählte Landtag ein Affentheater! Die Bürger und Wähler werden gedemütigt und bekommen aufgezeigt: Diese Regierung nimmt weder Gewählte noch Wähler ernst.
Und dann wieder die Bilder aus Kairo und das Foto vom geblendeten Dietrich Wagner aus Stuttgart, das mich wohl nie mehr loslässt, und mich schaudert bei dem Gefühl, als herrsche da ein Mubarak in Stuttgart.

Guido Wekemann

Neresheim, 03.02.2011

Lesen Sie dazu auch die Pressemitteilung des <Bundesverbandes Kritischer Polizistinnen und Polizisten (Hamburger Signal) e.V.> vom 05. 02. 2011
Hinweis: Kritische Polizisten

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Zum Polizeieinsatz am 30.09.2010 in Stuttgart

Kommentar

Wir können alles ...

Noch vor wenigen Wochen rührte der seit über zehn Jahren von der Landesregierung publizierte Werbetext im gesamten deutschsprachigen Raum die Leser und Hörer überwiegend zu einem Schmunzeln und einer gewissen Anerkennung. Seit Donnerstag, dem 30. September 2010 gibt es keinen Grund mehr, die Plakatbotschaft „Wir können alles. Außer Hochdeutsch. Baden-Württemberg“ als eine pfiffige, feinsinnige und selbstironische Werbeidee zu begreifen.

Auch der Südwestrundfunk möchte in diesen Wochen mit seinen Möglichkeiten und mit einer sogenannten Casting-Tour dazu beitragen, eine Person und ein Gesicht zu finden, um mit Ihr oder mit Ihm das Bundesland Baden-Württemberg zu repräsentieren. Den Bürgern im Land, aber auch nach außen, soll verkündet werden: Das sind wir. So sind wir.

Die Sendeanstalt kann die Suche bereits wieder einstellen: Weltweit wurde in den Medien das Gesicht Baden-Württembergs schon gefunden: Es ist das mit blutenden Augen zerschundene Gesicht von Dietrich Wagner, dem 66 Jahre alten Rentner, der mit erhobenen Armen und frei stehend die Staatsgewalt um Mäßigung anflehte; und dem eben von dieser ganz gezielt mit der bekannten Wucht eines Wasserwerfers das Gesicht zertrümmert wurde. Ob er jemals wieder sehen wird wissen die Ärzte nicht.

Dieser Slogan, von dem die Landesregierung behauptet, dass er binnen kürzester Zeit auch über die Landesgrenzen hinaus zum geflügelten Wort geworden ist, trägt nun eine ganz andere Botschaft in die Welt hinaus. „Wir können alles.“ wird mit dem Bild des aus den Augen blutenden Dietrich Wagner zu einer fürchterlichen Drohung eines Machtapparats, der sich auch totalitäre Regime bedienen, in Vergangenheit und Gegenwart. Und wie diese behaupten Ministerpräsident, Minister und Ministerin im Nachhinein, das alles sei im Rahmen rechtsstaatlicher Normen angemessen gewesen, um Recht und Ordnung durchzusetzen.

Und wenn eine Regierung auch immer wieder verkündet und danach handelt: „Wir können alles.“, dann muss man ihr eindeutig und immer wieder entgegenhalten: „Ihr dürft nicht alles!“ Und wenn dazu die Parlamente nicht mehr fähig sind, werden die Bürger eben diesen ethischen und rechtsstaatlichen Grundsatz außerhalb postulieren müssen. Ja, müssen! Denn der gierige Griff nach dem Apfel, mit dem man sich über die letzte und höchste Instanz hinwegsetzt, ist das Übel in der Welt.

Guido Wekemann

Neresheim, 07.10.2010

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Ungewollt geadelt

Der Mordversuch am Passauer Polizeidirektor Alois Mannichl bringt Ungeheuerliches zutage: Entsetzt hört man in den Nachrichten, dass der Polizist beim Öffnen seiner Haustüre niedergestochen wurde und schwer verletzt im Krankenhaus liegt. Und wie wird die Nachricht vom versuchten Mord in den Äther gesprochen? Die Nachrichtensprecherin verliest den Text vom „gescheiterten Attentat“. Die Nachrichtenredaktion beim Südwestrundfunk ist nicht die Einzige, die den versuchten Mord als Attentat einordnet. Auch die FAZ schreibt von einem Attentat und von einem Anschlag auf Alois Mannichl. Die Nachrichtenagentur Reuters verwendet den Begriff „Messerattacke“.

Hier die Wortwahl zu kritisieren ist nicht engstirnig und auch keine Wortklauberei; die Unterscheidung zwischen Mord, Mordversuch und Attentat muss insbesondere hinsichtlich unserer Geschichte peinlich genau getroffen werden.
Der Terminus „Attentat“ steht für eine politisch motivierte Tat und wir verbinden damit beispielsweise die Namen Georg Elser, Claus Schenk Graf von Stauffenberg und andere, die mit ihrer Tat, dem Attentat, ein Unrechts- und Terrorsystem beenden wollten.

Den Mordversuch auf den Polizisten als Attentat zu benennen erhebt den Messerstecher zum Attentäter und die Naziszene wird von der Presse, zwar ungewollt, aber dennoch geadelt. Die Hintermänner der kahlgeschorenen Schlägertrupps werden sich weiterhin noch bedeckt halten, aber bei ihren konspirativen Treffen sich gegenseitig auf die Schenkel schlagen, weil sie es geschafft haben, dass die Medien genau den Terminus auf sie anwenden, den ihr die empfindsame Öffentlichkeit bisher verweigert hat.

Guido Wekemann

Neresheim, 16.12.2008
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